poetischer Realismus - Forum für dramatische Künste

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Das Theater des Poetischen Realismus

„Das Theater des Poetischen Realismus fügt dem Wort nicht lediglich die Handlung als Illustration des Gesprochenen hinzu, sondern es erarbeitet konkrete Handlungsmetafern, in denen sich der emotionale Gehalt des Wortes und das jeweilige Erleben der Figur transportieren. Nicht das was sondern das wie ist wichtig: Wie gehen wir mit Sprache um, wie zeigt der Körper was der Mensch erlebt. Diese Formen oder Metafern geben dem Zuschauer die Möglichkeit, sein eigenes Erleben in der künstlerischen Form gespiegelt zu finden.

Uns interessiert die Frage: Wie kann das Sinnlich-Emotionale so transportiert werden, dass es für den Zuschauer erfahrbar wird und nicht lediglich dem Erleben des Künstlers und der Welt seiner Ideen und Vorstellungen vorbehalten bleibt, die sich dann nur abstrakt vermitteln. Weder diese selbstbezügliche Form des Bühnenautismus, noch die schöne Deklamation großer Gefühle durch den Schauspieler, sondern allein das aktive Erleben des Zuschauers sind das Ziel unserer Arbeit. Es ist die Aufgabe des Schauspielers, diesem Erleben die schützende Hülle seiner Darstellung anzubieten, in die das Publikum schlüpfen kann, wie in einen warmen Mantel. Auch die Wahl der Bühnenmittel - Licht, Bühnenbild, Musik - dient ganz diesem Zweck und den künstlerischen Inhalten."

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Das Schauspiel des poetischen Realismus - acting

"Im Schauspiel des poetischen Realismus geht es darum, das emotionale Erleben einer Situation wie durch eine Membran durch uns hindurchgehen zu lassen und es körperlich sicht bar zu machen - in Bewegung, in Handlung -, und im weiteren Sinn, dem emotionalen Erleben Form zu geben so dass der Zuschauer es fühlen kann. Gewissermaßen machen wir den Vorgang eines Gefühles sichtbar und so für den Zuschauer erlebbar.
Worte kommen dazu. Aber nicht unbedingt sagen die Worte das, was der Körper sagt.
Unsere Worte kommunizieren Information. Unser Körper kommuniziert Emotion.
Und so ist eine große Herausforderung im Theater auch das kreative Problem, den Zuschauer mit den zu sprechenden Texten im Gefühl zu erreichen. Bühnentexte gehen in der Regel in den Kopf, wollen intellektuell verstanden werden.
Wir Schauspieler scheinen da gegenüber Musikern benachteiligt zu sein.
Und der Zuschauer geht ins Theater und liest vorher das Stück, aus Angst es sonst nicht zu verstehen.
Wenn wir jedoch auf der Bühne ganz und gar mit unseren Sinnen leben und nicht Texte interpretieren, sondern sie
sinnlich-künstlerisch leben, ihnen mit unserem Körper Form geben, dann ist das wie Musik, die den Zuschauer direkt im Gefühl trifft. "
Peter H. Jährling

Otto Ludwig: Der poetische Realismus (um 1860)

„Der Begriff des poetischen Realismus fällt keineswegs mit dem Naturalismus zusammen; oder mit dem des naturalistischen Realismus.[...] Es handelt sich hier von einer Welt, die von der schaffenden Phantasie vermittelt ist, nicht von der gemeinen; sie schafft die Welt noch einmal, keine sogenannte phantastische Welt, d.h. keine zusammenhanglose, im Gegenteil, eine, in der der Zusammenhang sichtbarer ist als in.der wirklichen, nicht ein Stück Welt, sondern eine ganze, geschlossene, die alle ihre Bedingungen, alle ihre Folgen in sich selbst hat. So ist es mit ihren Gestalten, deren jede in sich so notwendig zusammenhängt, als die in der wirklichen, aber so durchsichtig, dass wir den Zusammenhang sehen, dass sie als Totalitäten vor uns stehen; das Handeln in dieser Welt, so begreiflich und anschaulich es ist, es ist ebenfalls zugleich durchsichtig, und wir sehen seinen notwendigen Zusammenhang mit der handelnden Gestalt, wir sehen es aus der Totalität der poetischen Person hervorgehen und ebenso wieder auf die betreffende Totalität einer anderen wirken. Es ist eine ganze Welt; in Geschlossenheit so mannigfaltig wie das Stück wirklicher Welt, das wir kennen, Raum und Zeit sind nichts als Rahmen, Stetigkeit des Vorganges und Mittel dazu. [...] Eine Welt, die in der Mitte steht zwischen der objektiven Wahrheit in den Dingen und dem Gesetze, das unser Geist hineinzulegen gedrungen ist, eine Welt, aus dem, was wir von der wirklichen Welt erkennen, durch das in uns wohnende Gesetz wiedergeboren. Eine Welt, in der die Mannigfaltigkeit der Dinge nicht verschwindet aber durch Harmonie und Kontrast für unsern Geist in Einheit gebracht ist; nur von dem, was dem Falle gleichgültig ist, gereinigt. Ein Stück Welt, solchergestalt zu einer ganzen gemacht, in welcher Notwendigkeit, Einheit, nicht allein vorhanden, sondern sichtbar gemacht sind. Der Hauptunterschied des künstlerischen Realismus vom künstlerischen Idealismus ist, dass der Realist seiner wiedergeschaffenen Welt so viel von ihrer Breite und Mannigfaltigkeit lässt, als sich mit der geistigen Einheit vertragen will, wobei diese Einheit selbst, zwar vielleicht schwerer, aber dafür weit großartiger ins Auge fällt.
Dem Naturalisten ist es mehr um die Mannigfaltigkeit zu thun, dem Idealisten mehr um die Einheit. Diese beiden Richtungen sind einseitig, der künstlerische Realismus vereinigt sie in einer künstlerischen Mitte. Der Naturalismus ist ein Reicher, der seinen Besitz nicht kennt, der Idealist kennt den seinen genau, aber er ist kein reicher. Zwischen Verwirrung und Monotonie steht der künstlerische Realismus mitten inne, zwischen absolutem Stoff und absoluter Form, ein Reicher, der seinen Reichtum kennt und vollständig über ihn disponieren kann.
Die Kunstwelt des künstlerischen Realisten ist ein erhöhtes Spiegelbild des Gegenstandes, aber nach dem Gesetze der Malerei zu klarer/Anordnung gediehen, so dass nicht das eine das andere verdeckt noch eine Verwirrung entsteht, indem man zusammensuchen müsste, was; zu einer und derselben Gestalt gehört."
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Aus: Otto Ludwig: Der poetische Realismus aus den Jahren 1858-1860. Hg. von M. Heydrich. Halle: Genesius. 1911. S. 196f. - Zit. nach: Theodor Feister und Klaus Krebs (Hg.): Deutsch Oberstufe. Sprache und Literatur. München: Bayerischer Schulbuch-Verlag, 1992. S. 278f.


 
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