Ideologische Überfrachtung auf der Bühne

Salzburg. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat das deutsche Regietheater scharf kritisiert und die Verfechter traditioneller Inszenierungen in Schutz genommen. Manche "grandiosen Stücke lebender Dramatiker" seien heute nur noch im Ausland zu sehen, weil ihre Autoren keine verfremdeten Inszenierungen zuließen, sagte Kehlmann gestern in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. Für Kehlmann ist die Frage, ob man Schiller in historischen Kostümen oder mit "den schon altbewährten Zutaten der sogenannten Aktualisierung" aufführen sollte, zur "am stärksten mit Ideologie befrachteten Frage überhaupt geworden", Die "historisch akkurate" Inszenierung eines Theaterstücks nannte der Schriftsteller, Sohn des Theater- und Fernsehregisseurs Michael Kehlmann, eine "ästhetische Entscheidung". Sie sei "nicht besser und nicht schlechter als die Verfremdung, auf keinen Fall aber ein von vornherein reaktionäres Unterfangen". An die teilweise in die Jahre gekommenen Protagonisten der Theater-Avantgarde ließ Kehlmann kein gutes Haar. In Zeiten, in denen niemand mehr Karl Marx lese und kontroverse Diskussionen sich eher um Sport drehen, sei Regietheater "zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Ideologien degeneriert". Manch "hoch subventionierte Absurdität" sei das Ergebnis der "folgenreichsten Allianz der vergangenen Jahrzehnte: dem Bündnis von Kitsch und Avantgarde"...mehr dazu

Den Machern von Kinder-und Jugendtheater ist es gelungen
aus Kunst und Honig Kunsthonig herzustellen

Sozialpädagogen regieren das freie Theater. Nicht, das gegen Pädagogen etwas einzuwenden wäre, nur alles an seinem Platz.
Denn was will Pädagogik?
Sie will erziehen. Das hat seinen Platz in Institutionen wie Schule und Kindergarten in Ergänzung elterlichen Handelns. Das Theater aber sollte jedwede Erziehungsversuche unterlassen.
Ideologisierung der Kunst sollte in Deutschland aufhorchen lassen.
Warum sind Pädagogik und Kunst ein Widerspruch?
Weil Pädagogik sich immer an der Vermittlung systemimmanenter Werte orientiert, selbst mit kritischem Impetus versehen bleibt sie in den Grenzen des Konsensens, der Institutionen trägt und durch sie vermittelt wird.
Tendenziell zielt Pädagogik auf Integration und Anpassung des Abweichenden auf einen festgelegten Konsens, der sich an herrschenden Ideologien orientiert. Theaterpädagogik ist ein Ausfluss erwachsenen Anpassungswunsches, der Kindern und Jugendlichen übergestülpt wird, selbst wenn er sich freiheitlich und tolerant gibt - was ihn besonders perfide weil undurchschaubar macht. So sitzen Kinder oder Jugendliche nach der Vorstellung mit Lehrern und Theatermachern zusammen und diskutieren über das Stück, das sich zum Beispiel dem Thema Mobbing oder rechte Gewalt widmet. Welcher Schüler wird in diesem Kontext, in dem es indirekt um Bewertungen geht, schon eine Meinung äußern, die nicht den vorgegebenen moralischen Richtlinien entspricht?
Die Erfahrungen mit derartigen problemsensibilierenden Interventionen jedweder Art sind indess ernüchternd. Großangelegte Rassismuspräventionsprogramme an Schulen in England zum Beispiel waren im Unterricht ein großer Erfolg. Vor den Schultoren dann aber war der
Rassismus wieder mit voller Härte da - die Protagonisten waren dieselben wie vorher. Wer sich dabei gut fühlt sind die Sozialpädagogen: Ihre Interventionen legitimieren sich aus sich heraus indem sie selbst die Problembeschreibung liefern für die sie selbst die Heilung im Gepäck haben. Das Schlimme ist, dass alle übrigen Protagonisten, die tagtäglich an Erziehungsprozessen beteiligt sind - Eltern, Lehrer - potentiell als unfähig zur Lösung der diagnostizierten Probleme diskriminiert werden ja, sogar als problemverursachend. Während die für ein paar Stunden als Heilsbringer einfliegenden Saozialpädagogen - frei von der Last dauernder Beziehungsanstrengungen und täglichem Scheitern - wissen wo`s lang geht.
Sozialpädagogische Intervention ist also eine sich selbst bewegende Blase, die ihren Erfolg an der Anpassung der vorgefundenen Verhältnisse an ihre eigenen Prämissen definiert. Klaffen Anspruch und vorgefundene Wirklichkeit auseinander wird gerade daraus die Notwendigkeit sozialpädagogischer Intervention abgeleitet. Alle Abweichung von ihren scheinbar aufgeklärten Normen ist integrationsbedüftig - ob die Pädagogik selbst durch ihre Prämissen diesen Badarf erst schafft, wird nicht hinterfragt. Wenn man das macht, stellt man die gute Sache in Frage und wird zum potentiellen Gegenstand sozialpädagogischer Intervention - sie erweist sich als autistisches Konstrukt. Das gilt auch für theaterpädagogisches Agieren.
Es richtet sich klar auf die Frage: Was darf - und was darf nicht. Das ist von der einst so verdammten schwarzen Pädagogik gar nicht so weit entfernt. Nur das anders gestraft wird: Durch die Schere im Kopf, mit der Individuen ihr Handeln ständig auf dürfen und nicht dürfen abgleichen müssen um in einem Kollektiv ohne greifbare Hierarchien wettbewerbsfähig zu sein. Das ist eine sehr ernste Angelegenheit, denn wir sind Menschen und brauchen Kollektive: Die ständige Bedrohung, darin nicht konkurrenzfähig zu sein und ausgestoßen zu werden, macht immer mehr Menschen krank. An dieser Stelle bieten sich wiederum Sozialpädagogen an - das helfende Syndrom macht sie für ihre eigene Beteiligung an der Aufrechterhaltung und Vermittlung von Systemzwängen blind.

Kunst aber macht das Gegenteil: Sie stellt Fragen, weiß keine Antworten. Sie weist über das Bestehende hinaus und greift zugleich weit zurück. Ihr Mittel ist die Berührung unserer Sinne, die Verstörung des Gewohnten, die Verrückung unseres Blickes, unserer Standpunkte, unserer Gewohnheiten, die leise Irritation. Sie entgrenzt unsere Sinne und unser geistiges Fassungsvermögen lässt Utopisches aufscheinen, sie schließt alle menschlichen Elebniswelten und Möglichkeiten mit ein. Auch das deviante, auch das nicht fassbare, denn Auschwitz tragen wir alle in uns - als Möglichkeit menschlichen Handelns. Das mit pädagogischen "No-gos" zu tabuisieren bringt nicht weiter, das intellektuell zu problematisieren bringt nicht weiter, das wegzuevaluieren auch nicht - denn das Menschliche lässt sich nicht tabuisieren, das hat schon die Religion versucht und Gewalt erst hervorgebracht. Ihr säkularer Bruder ist die Pädagogik, der Amoklauf ihr wachsender Schatten.

Es gibt noch einen anderen Tenor in der theatersozialpädagogisierten Welt, der nicht weniger perfide ist: Die scheinbar anarchische Problembegreifung, die Verständnis für die Erlebenswelt von Kindern heuchelt, in der das Problem natürlich immer die Erwachsenen sind - und das sind immer die anderen Erwachsenen, zu denen die Sozialtheaterpädagogen natürlich nicht gehören. Eine gute Verpackung für deren Bedürfnis selbst nicht erwachsen zu werden, stellen sie sich doch Verständnis heischend auf eine Ebene mit den Kindern und Jugendlichen und verleugnen den Generationenunterschied. Das ist Verrat an Jugendlichen, denn sie brauchen den Generationenunterschied, sie brauchen "doofe, peinliche" Erwachsene, um ihre eigene Kultur in Abgrenzung finden zu können. Diese scheinbar den Kindern zugewandte Arbeit, die elterliches Handeln inkriminiert, scheint in diesem Licht nichts weiter als die gut verpackte Abrechnung der Spätachtundsechziger ( die Theoriebildung der Szene hat hier ihre Wurzeln) mit der eigenen Elterngeneration, für die die Kinder anderer Eltern misbraucht werden - angeblich zu deren Wohl.
Diejenigen, die einst über die Abrechnung mit der Nazi-Ideologie und deren gesellschaftlichen Ausläufern sich selbst gefunden haben, machen das nach, was sie ihrer Vätergeneration vorwarfen: Sie unterwerfen alle Lebensbereiche einer nachhaltigen Ideologisierung, einschließlich der Kunst.
Die faschistoide Tendenz dieser Entwicklung macht sich unter anderem in der sektiererisch- aggressiven Verteidigung ihrer Notwendigkeit durch ihre Protagonisten bemerkbar - nicht nur im freien Theater.

Sozialpädagogik im Theater und Theaterpädagogik sind - auch im Erwachsenenbereich - eine Mogelpackung die den ganzen Irrwitz unserer scheinbar aufgeklärten Zeit deutlich macht. Da werden einerseits Menschen in ihrer Arbeits- und Lebenswelt mehrfach ausgebeutet und kaputt gemacht - in sozialpädagogisch angeleiteten Projketen dürfen sie das dann auf die Bühne bringen und sich selbst erfahren - öffentlich subventioniert und als Kunst ausgewiesen. Da werden einerseits Kinder Opfer einer immer leistungorientierteren reizärmeren Erlebniswelt - alles wird zubetoniert, Freiräume zum Spielen gehen verloren, in denen Kinder hre Regeln selbstbestimmt entwerfen, Toleranz lernen etc. Sie werden dem Leistungszwang der Erwachsenen schon in der Schule unterworfen - und dann wollen sozialpädagogische Projekte Kindern das beibringen, was sie sich sonst selbst beibringen würden: Toleranz, wie man miteinander spielt, fair ringt etc. - aber natürlich so, wie Erwachsene das bestimmen. Das ist genaugenommen ein Kolonialisierungsprozess. Seine gesellschaftliche Legitimation erhält er dadurch, dass man ja was für Kinder tut - so wie andere Projekte sich um andere "Randgruppen" kümmern - so wie wir in der Entwicklungshilfe was für Afrikaner tun, deren Kultur Europa einst zerstört hat. Man kann sich gut fühlen dabei und ist vor Kritik gefeit.
Durch diese Legitimation erhalten pädagogisch motivierte Inhalte und Projekte große öffentliche Akzeptanz, auch in der Förderung - ein Ausdruck kollektiven schlechten Gewissens gegenüber Kindern. Das führt soweit, dass Förderkriterien sich immer öfter daran orientieren ob Künstler etwas für Kinder, Jugendliche oder "Randgruppen" tun mit ihrer Arbeit (das Ganze fällt dann auch schnell unter "Nachwuchsförderung") und auch Stiftungen und Sponsoren richten ihre Zuwendungsfelder immer öfter auf sozial- und theaterpädagogisches Handeln.

Wir Künstler müssen uns dieser Entwicklung entziehen und der Verführung wiederstehen, dann eben solche Projekte zu machen, die Förderung versprechen. Sicher haben theaterpädagogische Interventionen ihren Wert - aber in pädagogischen Kontexten wie Schule. Hier müssen sie in den Unterrichtsalltag eingeplant werden und erkennbar Teil erzieherischen Handelns sein., denn das sind sie. Sie gehören nicht in de Bereich der freien Kunst und können auch nicht als solche gefördert werden. Sie sind zielgerichtetes erwachsenes Handeln das Kinder und Jugendliche zum Gegenstand hat. Da sich dieses Handeln aufklärerisch gibt und Begriffen wie Toleranz etc. verschreibt macht es so verführend, will man doch gerne auf der Seite der guten Sache sein. Aber: Können wir immer mit Bestimmtheit sagen, was gut ist und was nicht, ohne der Hybris anheimzufallen?
Man könnte die Sache auch so sehen: Im pädagogisch geprägten Theater werden Menschen auf Anpassung an Werte getrimmt, die sie zu sozial verträglichen Individuen modeln, mit denen gesellschaftliche Anpassungs- und Umgestaltungsprozesse geräuschlos vonstatten gehen - die Schere im Kopf und gegenseitige moralische Kontrolle machts dann möglich.
Und während vor allem Kinder und Jugendliche und so genannte "Randgruppen" Ziel dieser Interventionen sind dürfen die überlasteten Erwachsenen vorm Fenseher verblöden, sich mit Comedy entspannen und im Musicalrausch versinken - ambitioniertes Erwachsenentheater wird nämlich kaum noch gefördert und auch Theater für Kinder , das ohne "Problematisierung" auskommt, wo Helden noch Helden sind und Räuber eben auch Menschen, wird zunehmend von Förderung abgekoppelt.
Es bleibt darüber zu streiten ob es den Bedürfnissen von Heranwachsenden mehr entspricht, Stücke über Vergewaltigung und Tod zu sehen um anschließend darüber zu diskutieren und ob 0-3-jährige ohne Theater ein lebenslanges Defizit in ästhetischer Bildung erfahren und selektive Nachteile erleiden.
Dass immer mehr Künstler heute keine andere Möglichkeit sehen als sich in pädagogischen Vorgängen zu verdingen, weil nur hierfür noch Geld bereitgestellt wird, zeigt, wie stark unsere Zeit auf Anpassung an herrschende Prämissen drängt.

Kunst muss unabhängig davon leben, denn sie ist überlebenswichtig für unsere Mensch-Sein.
Sie braucht Förderung um unserer Freiheit willen. Wenn wir die Lebensrealität von Kindern wirklich ändern und etwas für sie tun wollen, brauchen wir sensitive Erwachsene, die die Anbindung an ihr kindliches Sein und an an ein größeres Ganzes nicht verloren oder wiedergewonnen haben. Dafür brauchen wir Kunst: Sie ist - neben der Sexualität - der letzte anarchische Raum unseres Daseins, ein unschätzbarer Erkenntnisort unserer menschlichen Natur.